Kündigung infolge von Corona

Kündigung infolge von Corona

Sie werden mit einem Fingerschnipsen gekündigt

Claudia war mal wieder total im Stress. Sie befand sich auf dem Weg zur Arbeit. Im Radio lief die nächste Sondersendung zu Kündigungen durch die Corona-Krise. Merkel hatte gestern erst verkündet, dass es erste Lockerungen geben würde, aber das Kontaktverbot noch bis Anfang Mai bestehen bleiben sollte.

Sie schüttelte den Kopf. Was für ein Wahnsinn. Heute beim Zahnarzt war sie die einzige Patientin gewesen. Alle anderen hatten ihre Termine bis auf Weiteres abgesagt. Und trotzdem hatte man sie eine halbe Stunde für eine lächerliche Füllung warten lassen. Sie hätte ausrasten können. Aber ihre gute Erziehung hatte sie davon abgehalten, eine Szene zu machen.

Nun war sie zehn Minuten zu spät., und das an dem Tag, an dem sie für den Notdienst im Sekretariat zuständig war. Claudia Weber arbeitete bei einer mittelgroßen Anwaltskanzlei mit 10 Anwälten und 12 weiteren Mitarbeitern.

Sie hätte schreien können. Sie kam sonst nie zu spät. Hatte sie früher die Kinder noch immer zur Schule bringen müssen, so war wenigstens dies heutzutage kein Thema mehr. Jannik war im Studium und Annika in der Oberstufe und froh, wenn ihr Freund anstelle ihrer Mutter sie zur Schule begleitete.

Normalerweise wären diese 10 Minuten ja kein Problem, weil dann andere Kollegeninnen Telefonate noch hätten entgegennehmen können. Aber heute? Ausgerechnet!

Sie bog endlich auf den Parkplatz der Kanzlei ein, inzwischen 15 Minuten zu spät und hastete die Treppen hinauf, weil der Aufzug ewig gebraucht hätte. Völlig außer Atem und verschwitzt trat sie in die Kanzlei und stürmte zu ihrem Arbeitsplatz.

Dort erlebte sie eine Überraschung. Ihre Kollegin Annette war auch da. Claudia erkundigte sich, warum denn Annette heute gekommen sei, schließlich wäre sie doch eingeteilt gewesen. Bevor Annette aber antworten konnte, erschien ihr Chef, Dr. Dörner in der Tür.

Ob er sie, Claudia, kurz mal in sein Zimmer bitten dürfte. Claudia runzelte die Stirn. Sie bejahte und folgte Dr. Dörner in sein Arbeitszimmer. Ihre Kollegin warf ihr einen besorgten Blick hinterher.

Angespannt setzte sich Claudia Dr. Dörner gegenüber. Dörner ließ sich ebenfalls auf seinem imposanten Bürostuhl nieder und räusperte sich, tunlichst Blickkontakt vermeidend.

Dann beugte er sich vor, schaute sie doch über seine Lesebrille hinweg an und eröffnete ihr mit einer monotonen, fast kalten Stimme, dass er sie kündigen müsse.

Claudia regte sich nicht. Die Information war scheinbar noch nicht zu ihr durchgedrungen. Trotzdem hörte sie sich fast empört fragen, warum sie denn. Letztes Jahr hätten sie doch noch fröhlich ihre 20jährige Betriebszugehörigkeit gefeiert. Dörner nickte, übergab ihr aber trotzdem das Kündigungsschreiben. Claudia nahm es entgegen, protestierte aber erneut. Es könne doch nicht sein, dass man jetzt wegen eines kleinen Virus 20 Jahre Zusammenarbeit wegwerfe. Ihre Versteinerung wich maßlosem Zorn. Es war so ungerecht.

Doch Dörner unterbrach sie, bevor sie weitermachen konnte. Alle jüngeren Mitarbeiter mit kürzerer Betriebszugehörigkeit habe er bereits gekündigt. Von den 12 Mitarbeitern, die sie noch hätten, habe er drei gestern und zwei weitere bereits heute die Kündigung aussprechen müssen. Wahrscheinlich reiche dies noch nicht einmal das aus, um die Kanzlei zu retten. Seine Augen wurden rot und bekamen einen Schimmer. Wenn es so weiterginge, fuhr er fort, müsse er die Kanzlei schließen und sich vorzeitig zur Ruhe setzen.

Claudia wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte fragen, wie es soweit kommen konnte. Aber Dörner unterbrach sie erneut. In den letzten Jahren sei es der Kanzlei nicht mehr so gut gelaufen. Viele der Partner standen kurz vor dem Ruhestand und machten mehr Urlaub als aktiv im Büro zu arbeiten. Die Umsätze seien stetig geringer geworden, aber man habe sich noch gut behaupten können. Dann sei Corona gekommen. Nunmehr hatten sie seit zwei Monaten fast keinen Mandantenkontakt mehr. Selbst wenn zum Mai die Kontaktsperre aufgehoben würde, hätte man keine Einnahme. Von über 90% aller seiner Mandanten hätte er bereits Rückmeldung erhalten, dass sie die Rechnung stunden müssten. Sämtliche Projekte, die ihm noch im Januar angekündigt worden waren, seien inzwischen angehalten bzw. gleich abgesagt worden.

Seine Stimme wurde brüchig. So hätte er sich seine letzten Jahre als Anwalt nicht vorgestellt.

Claudia empfand das Bedürfnis, zu ihrem Chef hinüber zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Dann erinnerte sie sich aber, dass sie es war, die die Kündigung in den Händen hielt. Sie verabschiedete sich mit Worten des Bedauerns.

Wie taub holte sie sich aus dem Lager eine Box und suchte damit ihre persönlichen Sachen zusammen. Gefasst, aber mit einem Kloß im Hals verabschiedete sie sich von Annette. Andere Mitarbeiter oder Kollegen waren im Home-Office. Es gab niemanden sonst, von dem sie sich hätte verabschieden können.

Dann verließ sie nicht einmal eine Stunde, nachdem sie gekommen war, die Kanzlei. Für immer.

Sie stieg in den Wagen ein und startete den Motor. Dann machte sie ihn wieder aus und begann still zu weinen. Was jetzt, fragte sie sich immer. Dann nahm sie ihr Handy zur Hand und begann zu googeln.

Kommentar:

Eine Situation, wie sie so oder ähnlich in diesen Tagen sicher häufig Mitarbeiter von Firmen erleben werden. Ob nun durch die beispiellose Corona-Krise oder andere Faktoren: Firmen sind immer wieder gezwungen Mitarbeitern zu kündigen, um so das Überleben der Firma noch zu gewährleisten. In dieser Situation sind die betroffenen Arbeitnehmer oft überfordert. Sie müssen sich völlig umstellen, sich auf einmal mit dem Arbeitsamt herumschlagen, einen neuen Job suchen und das alles mental noch verarbeiten. Eine Mammut-Aufgabe. In dieser Situation sucht nicht jeder gleich seinen Anwalt auf. Viele haben keine Rechtsschutzversicherung und die meisten übernehmen arbeitsrechtliche Angelegenheiten explizit nicht.

So versäumen es viele Arbeitnehmer Rechte, die möglicherweise mit der Kündigung verletzt wurden, überprüfen zu lassen und wahrzunehmen. Unter denjenigen, die es tun, ist unserer Erfahrung nach auch eine hohe – zu hohe – Anzahl von Fällen, die ihre Rechte schlicht zu spät in Anspruch nehmen.

Tipp:

Wenn Sie eine Kündigung bekommen, gehen Sie zu einem Anwalt ihres Vertrauens und lassen überprüfen, ob die Kündigung wirksam ist. In vielen Fällen ist dies nicht so. Auch wenn das Arbeitsverhältnis aufgrund von Vertrauensverlust nicht wiederherstellbar ist, so kann in vielen Fällen ein guter Anwalt eine Abfindung aushandeln. Verschenken Sie keine Zeit, gehen Sie unverzüglich zum Anwalt.

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